Angefangen

„Ich spüre das einfach. Ich weiß, wann es an der Zeit ist, aufzuhören.“ sagt Haruki Murakami. Und damit mag er recht haben, der Haruki, das können wir aber nicht beurteilen, schließlich kennen wir uns mit seinem Gespür fürs Aufhören nicht aus. Und vielleicht stimmt ja auch was mit seinem Gefühl nicht. Wir sind ja leider (oder vielleicht auch: zum Glück) nicht alle Schriftsteller und keinesfalls sind wir alle Japaner.

Der Japaner an sich ist ja eher ein kleingewachsener Mann, der immer arbeitet, in Einviertelzimmerwohnungen mit einer kleinen Frau und genau einem Kind wohnt, sich von getragenen Damenslips ernährt und den ganzen Tag Mikrochips knabbert. Da kann man dann durchaus mal ein Gespür fürs Aufhören entwickeln.

Der Mitteleuropäer ist da anders. Er knabbert an der Mikrowelle, räumt in der Gespürchillmaschine rum und entwickelt bestenfalls ein Gespür für Schnee. Er gibt eine Harnprobe ab und wundert sich über die eigene Unzulänglichkeit. Und brüllt dann hybrid den Ausweg aus der selbstverschuldeten Arroganz suchend gen Osten: „Nix Aufhören, Japaner! Weitermachen! Auf geht’s, los, los. Nix Aufhören, Anfangen! Angefangen wird!“

Dann will er die Stufen erklimmen, da jedem Anfang ja bekanntermaßen ein Zauber innewohnt (welch‘ fataler Trugschluss!), muss die Treppe nehmen, weil der Aufzug nach oben besetzt ist, rutscht auf goldenen Vliesen aus, knallt erst auf den Boden der Tatsachen und dann durch, krümmt sich anatomisch gebrochen hin und her, steigert nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern die Bezüge des Gesundheitssystems, denkt sich sich aufrappelnd schon wieder „Weitermachen!“, schließt einen Vertrag mit einem Fitnesscenter ab und dann einen Pakt mit Heidi Klum. Dann macht er noch ein bisschen und fällt schließlich um und ist tot. Wenn er Glück hat, der Mitteleuropäer, dann hat er vorher noch einen halben Garten gehabt oder die Kunst des indianischen Bogenbaus erlernt, aber letztendlich läuft’s doch auf dasselbe hinaus.

Das bringt uns also „Anfangen“ und „Weitermachen“ ein? Erst umfallen und dann tot sein? Das hat er dann also davon, der Anfangerer und Weitermacherer, von seiner Anfanger- und Weitermacherei: Rumliegen tut er dann, den ganzen Tag rumliegen und vor sich hingammeln. Super gemacht hat er das, der Mitteleuropäer, richtig klasse! „Darauf kann man doch stolz sein!“ sagen die Erben und bei der Testamentseröffnung kriegen sie einen Herzinfarkt und legen sich auch lang –

Aber dieser Teufelskreis, diese Teufelsspirale kann durchbrochen werden, und das sogar ganz einfach: Wir hören auf! Das hilft! Wirklich! Aufhören hilft! Ganz ehrlich jetzt! Ey, fjedn, schwörsdiralder!

Aufhören ist der gute Rat, den wir immer wieder bekommen und überhört haben, weil wir ihn nicht wahrhaben wollten, weil wir ihn überheblich wie wir sind als unwichtig ansahen und nicht zuletzt weil er üblicherweise ja auch vermeintlich teuer ist und wir lieber den o.g. unnützen Fitnesscentervertrag bezahlen und dadurch kein Geld mehr haben und Lasagne aus Pferden essen müssen und vor der Apotheke stehen und in den Hut singen.

Wer hat es denn nicht schon mindestens einmal gehört, wenn er gerade so am Machen war, dass einer kam und mit abwinkender Geste gelangweilt oder auch entnervt „Ach, hör doch auf!“ rief?

Na? Wer nicht?

Eben!

Und wer hat es denn nicht schon mindestens einmal erlebt, dass er sich selbst besser fühlte, nachdem er auf diesen guten Rat gehört und mit dem Machen aufgehört hat? (Der Fairness halber muss aber erwähnt werden, dass die ganze Sache gewaltig nach hinten losgehen kann, dann nämlich, wenn’s der Lauber ist, der „Ach, hör doch auf!“ sagt. Das ist aber auch die einzige Ausnahme von der Regel: Wenn’s der Lauber sagt.)

Wir sollten also wieder sein wie die Kinder, an die wir immer denken und die wir auch mal nach vorne lassen müssen. Und da Kinder ja eigentlich meistens recht klein sind wie Japaner, schließt sich hier dann auch der Kreis, den wir aufgebrochen und dem wir den Teufel ausgetrieben haben.

Aufhören an sich scheint einfach zu sein. Alles was einfach scheint, ist in Wirklichkeit einfach, wenn es nicht schwierig ist. Das weiß jeder, und das kann man überall nachlesen. Das haben auch viele Forschungen gezeigt, die man überall findet, notfalls bei Experten. (Wer nicht weiß, an welche Experten er sich in Bezug auf diese Studien wenden soll, der möge einfach mal in die Foren von Spiegel-Online hineinschauen, da tummeln die sich wie Staub auf der Mattscheibe.)

Aufhören ist kein Zeitpunkt, Aufhören ist ein Prozess. Aufhören ist langsam, Aufhören ist auch anstrengend, Aufhören muss immer wieder praktiziert werden, solange bis man’s kann und dann erst recht. Aufhören ist kein Aufgeben und kein Scheitern. Aufhören ist kein Kleinbeigeben. Aufhören ist Aufbegehren bis man aufhört und darüber hinaus. Vielleicht sind wir irgendwann sogar so weit verwirklicht, dass wir sogar mit dem Aufhören aufhören. Aber das dauert. Und dieses hehre Ziel können wir nur erreichen, wenn wir mit dem Aufhören nicht aufhören, bis wir irgendwann mit dem Aufhören aufhören können, dann nämlich, wenn wir es wie der Japaner spüren: Jetzt weiß ich, dass es an der Zeit ist aufzuhören!

Motivieren wir uns also mit dem einfachen Merksatz:

Wer mit dem Aufhören anfangen will, muss mit dem Anfangen aufhören.

Oder etwas plakativer und reißerischer:

Aufhören ist das neue Anfangen!

 

(Nachtrag: Während eines meiner Seminare rief ein Teilnehmer aus dem Plenum lauthals in den Raum: „Herr Kaltenbach, hörnsedochauf!“ Das hab ich mir zu Herzen genommen und aufgehört.  Und seitdem nicht mehr aufgehört aufzuhören. Seitdem mache ich das: Herr Kaltenbach hört auf.)