Ein Steinchen mehr

ein steinchen mehrAlso wachst du auf, hast einen Schädel wie drei Zahnarzttermine hintereinander, schleifst dich ins Bad und veröffentlichst erstmal die vorabendliche Mahlzeit direkt in die Badewanne. Während du dich aufrappelst, um aus der Kondomschublade im Wandschrank eine leere Aspirinschachtel zu angeln, fluchend, laut fluchend, vor lauter Fluchen zu atmen vergisst und zu husten anfängst, während du dich also aufrappelst, wird dir schlagartig bewusst, dass du, wenn du gewusst hättest, dass du dich heute so fühlen würdest, gestern auch ohne Probleme zwei oder drei Flaschen Wein hättest saufen können, denn dann ginge es dir jetzt zwar nicht anders, aber der gestrige Abend wäre eventuell lustiger gewesen.

Du wirfst dich in Schale, rufst dir Durs Grünbein in die morgendlich Grauzone: „…denn es ist diese Zähigkeit (zäh: wie das Deutsche sagt)“, stopfst dir die Ohren mit Pfropfen voll und hast schon gar keine Lust mehr auf irgend etwas. Der Bus, der offensichtlich schon wieder einmal früher kommt, so dass du dem Arsch von Fahrer zwar zuwinken kannst, als du losrennst, von ihm aber nur ein mildes Achselzucken erntest, der Bus also, den du verpasst, treibt dich schon gar nicht mehr dem Wahnsinn entgegen, du nimmst es gelassen hin und akzeptierst, dass du zu spät sein wirst, viel zu spät.

Dann willst du nochmal schnell “bei Karstadt”, drehst den Walkman etwas lauter, weil du die akustische Beleidigung, die sie “kundenfreundlich” nennen, nicht ertragen kannst, rennst in eine Ansammlung alter Säcke, die natürlich an der engsten Stelle mitten im Hauptlauf (der Profi nennt das “Loop”!) anhalten, um sich dummdreist the obvious statend nichtssagend zu unterhalten.

“Na, sind Se auch da heut Morge?“
“Jaja, muß ja, muß ja! Und Sie?”
“Haja! Wie’s halt isch!”
“So kann’s gehn, da kannsch nix mache!”
“Ebe, ebe. Und die Frau auch?”
“Ja, sicher!”
“Da siehsch es!”
“Ja, da siehsch es!”

Du gibst also auf, lässt alles sinken, machst dich auf den Weg nach Hause, rein prophylaktisch und aus Menschenliebe, denn zuhause kommst du nicht in Versuchung, deinen Mitmenschen ein Leids zu tun. Du stolperst in deine Wohnungsrealität, legst dir “The Wall” auf, ein Album, das du dir auch schon gefühlte tausend Male gekauft hast, weil Minidisc für den Arsch war und CD-Qualität für deine von der Lektüre neuer Technikmagazine sensibilisierten Ohren viel zu schädlich ist und schlecht, aber viel zu schädlich und viel zu schlecht, also unerträglich, denn man muss ja hören können, dass Roger Waters, während er “Comfortably numb” einklampfte, bei 3:15 ganz leise einen hat fahren lassen. Du gehst nochmal kurz ins Bad, schaust in den Spiegel, schüttelst den Kopf und drehst dann den Regler nach rechts.

Alles nur wieder ein Steinchen mehr in der Mauer. Nur wieder ein Steinchen mehr.

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