Es gibt kein Bier für Kai Hawaii

[…] und so verschlug es mich also in Lörrach-Stetten in eine Kneipe der Größe, die sogar Fiat Uno-Fahrer als „viel zu eng“ beschrieben hätten, setzte mich an den Tresen und bestellte ein Bier bei der etwas älteren Dame am Zapfhahn, deren dicklicher Vorbau durch ihre miedernde Unterwäsche eine große Ähnlichkeit mit den beiden Gipfeln des Kilimandscharo aufwies. Aus dem Transistorradio, das wahrscheinlich noch aus der Kindheit der Großeltern der Bardame stammte, dudelten die Kinks und mein portionierter Nebenmann, mein Gesprächspartner für einen Abend, der im Takt seinem Asbach-Cola zunickte, musterte mich ausführlich von oben bis unten und entschloss sich dann, wohl aus alkoholbedingter Großzügigkeit, dieser befremdlichen Existenz, der vollkommen ungewohnten Erscheinung in seinem Lieblingsetablissement (also mir!) ein spirituöses Getränk seiner Wahl auszugeben.

Leider machte ich dann einen Fehler: Ich wollte die Einladung ablehnen, aber mit den Kinks in den Ohren brachte ich ihm ein Zitat aus „Lola“ entgegen, allerdings nicht aus der Originalversion, sondern aus dem poetischen deutschen Cover eines oberlippenbärtigen Brillenmanns:

„’Lass gut sein, Günther, ich muss noch fahren!’“

„Wer ist Günther?“ fragte mich mein gutherziger Abendgefährte durch seinen steingrauen 593-Tage-Bart.

„Ein Freund von Heinz-Rudolf Kunze. Aus ’ner Kneipe in Dortmund-Nord. Bei Lola!“ klärte ich ihn ihm durchaus wohlgesinnt auf.

„Und der muß noch fahren?“

„Wer?“

„Der Günther!“

„Nein!“ meinte ich etwas irritiert: „Heinz-Rudolf Kunze!“

„Heinz-Rudolf Kunze muss wegen Lola von hier nach Dortmund fahren?“

„Ja, klar!“ Ich war nicht mehr irritiert, ich war auch nicht mehr ganz so wohlgesinnt. „Heinz-Rudolf Kunze fährt von Lörrach-Stetten regelmäßig nach Dortmund-Nord, nachdem er in dieser öden Kaschemme hier kein Bier mehr getrunken hat!“

„Heinz-Rudolf Kunze ist hier? Wo?“ rief er euphorisch und suchte die ihm wohl besser als seine Hosentasche bekannte Kneipe erwartungsvoll mit seinen rot aderigen Augen ab. „Und der fährt jetzt echt gleich nach Dortmund?“

Ich wurde plötzlich sehr müde. Aber Alkohol hilft. „Dürfte ich bitte“, flüsterte ich der Frau hinter der Theke zu, „noch zwei Bier und zwei Kurze für den Strategen und mich bestellen?“

„Für Heinz-Rudolf Kunze?“ fragte mich mein neuer Freund.

„Nein, für dich, du Idiot!“ raunzte ich ihn an.

„Und was ist mit Lola?“

„Halt’s Maul!“ dachte ich und beschloss, mir ein Taxi rufen zu lassen, das mich direkt nach Dortmund-Nord fährt. Und im Radio soll „Lola“ laufen. Von Heinz-Rudolf Kunze. In der Heavy Rotation. Oder noch besser: Auf Repeat One!

Später bin ich dann doch gelaufen. Ins Hotel. Ohne Lola. Im Schädel hatte ich allerdings sehr viel Asbach-Cola. C-O-L-A Cola.

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